Halle (Saale), 16. Juli 2026
Angesichts der anhaltenden Hitze fordert Stadtrat Wolfgang Aldag (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) ein radikales Umdenken bei der Gestaltung der halleschen Innenstadt– und eine verlässliche Finanzierung der Klimaanpassung durch Land und Bund.
Der Sommer 2026 hat bereits Rekorde gebrochen: Am 27. Juni wurden in Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt vorläufig 41,8 Grad gemessen – nach Abschluss der Datenprüfung wäre das ein neuer deutscher Temperaturrekord. Das Robert Koch-Institut schätzt allein für das erste Halbjahr rund 5.100 hitzebedingte Sterbefälle bundesweit, mehr als in jedem der drei Vorjahre insgesamt. Über 80 Prozent der Betroffenen sind älter als 75 Jahre. Und die Wettermodelle zeichnen für die kommenden Wochen bereits die nächste heiße Phase.
Solche Sommer sind keine Ausnahme mehr: Mit fortschreitendem Klimawandel werden Hitzewellen häufiger und intensiver. „Wir setzen noch immer auf maximale Verdichtung und Versiegelung – und merken nicht, wie wir uns damit die Hitze in die Stadt holen“, kritisiert Aldag die städtebauliche Entwicklung der vergangenen Jahre.
Während andere Städte gegensteuern, halte Halle an der steinernen Innenstadt fest. Das zeige sich vor allem dort, wo die Stadt ohnehin baut: Beim Ausbau von Straßen wie der Rathausstraße oder der Gustav-Anlauf-Straße seien die Planungen durch den Stadtrat gegangen, ohne dass darin auch nur eine einzige neue Baumpflanzung vorgesehen gewesen sei – und das seien längst keine Einzelfälle. „Wenn wir eine Straße ohnehin ausbauen und es nicht einmal schaffen, dabei ein paar Bäume mitzudenken, dann verschenken wir bei jedem einzelnen Vorhaben die Chance, die Innenstadt kühler und lebenswerter zu machen“, so Aldag.
Wie dringlich das ist, zeigen die Daten für Halle und Sachsen-Anhalt: Nach dem Monitoring des Landes hat sich die Zahl der Hitzetage über 30 Grad im Tiefland mehr als verdoppelt – von früher sechs bis neun auf heute 13 bis 18 Tage im Jahr. Die Stadtklimauntersuchung von Deutschem Wetterdienst und Landesamt für Umweltschutz hat zudem belegt, dass wegen des hohen Versiegelungsgrads in der Innenstadt selbst kaum Kaltluft entsteht. Die nächtliche Abkühlung hängt wesentlich von den innerstädtischen Grünflächen und den Kaltluftgebieten im Umland ab – von den Auen der Saale bis zu den offenen Flächen der umliegenden Höhenzüge.
Klimaanpassung ist dabei längst gesetzliche Pflicht: Das Bundes-Klimaanpassungsgesetz verlangt seit Juli 2024, dass öffentliche Stellen sie bei allen Planungen berücksichtigen. Das Land muss bis Ende Januar 2027 eine eigene Anpassungsstrategie vorlegen und hat ein Ausführungsgesetz auf den Weg gebracht, das die Erstellung von Klimaanpassungskonzepten auf die Landkreise und kreisfreien Städte überträgt – also auch auf Halle. Erstattet werden dabei allerdings nur die Kosten der Konzepterstellung. „Das Gesetz verpflichtet die Kommunen, Pläne zu erarbeiten. Aber für die Umsetzung stellt weder das Land noch der Bund verlässlich Geld bereit – und genau das muss sich ändern. Wenn wir unsere Städte an das Klima anpassen müssen, dann braucht es dafür auch eine finanzielle Unterstützung von Land und Bund“, so Aldag.
Die Größenordnung ist bekannt: Die Umweltministerkonferenz beziffert den Bedarf in Ländern und Kommunen auf rund 55 Milliarden Euro und knapp 16.000 Stellen bis 2030. Aldag unterstützt deshalb die Forderung der kommunalen Spitzenverbände, eine Gemeinschaftsaufgabe „Klimaschutz und Klimaanpassung“ im Grundgesetz zu verankern, damit Bund und Länder die Kommunen dauerhaft mitfinanzieren können. Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD ist dazu bislang lediglich eine Prüfung vereinbart, einen Zeitplan gibt es nicht. Auf Landesebene fordert Aldag, das stark nachgefragte Förderprogramm „Sachsen-Anhalt Klima III“ über die laufende EU-Förderperiode hinaus mit Landesmitteln zu verstetigen und aufzustocken – gefördert werden daraus unter anderem genau die Maßnahmen, die Halle jetzt braucht: Entsiegelung, Begrünung und Beschattung öffentlicher Flächen.
Neben der großen Umgestaltung sind es aus Aldags Sicht oft die kleineren Dinge, die helfen, besser über Hitzewellen zu kommen: Fassadenbegrünungen, die das Mikroklima verbessern und die Temperatur örtlich spürbar absenken. Mehr Bäume und Grünflächen, die Schatten und kühlere Bereiche schaffen. Schattenfolien auf den Glasdächern der Haltestellen, öffentliche Trinkbrunnen und Sitzgelegenheiten im Schatten.
Aldag mahnt: „Wenn der Sommer in der Stadt zur Gesundheitsgefahr wird, ist kühler, schattiger öffentlicher Raum keine Frage der Verschönerung mehr, sondern der Vorsorge – und je länger wir mit dem Umbau warten, desto teurer wird er.“ Notwendig seien deshalb die konsequente Entsiegelung und Begrünung von Flächen in der Innenstadt – und der Schutz der Kaltluftentstehungsgebiete vor den Toren der Stadt, die Halle in Sommernächten mit kühler Luft versorgen.